Manchmal frage ich mich Dinge, ich glaube der offiziell denkende Mensch nennt
das reflektieren – ich nenne es zwei Stunden abwesend in eine beiläufig ausgewählte
Ecke des Raumes starren. Das Ergebnis scheint mir ähnlich. Heute war einer
dieser Tage an dem ich, nach langer nicht-Praktizierung, längerfristig meine
Raufaser betrachtete. Gerne würde ich behaupten, dass diese Denkanstöße auf
einem fundamentalen Erlebnis beruhen, aber oft haben einfach nur ein Film oder
abtrünnige Hormone meine Rezeptoren auf melancholisches Schwelgen umgestellt.
Manchmal wird daraus aber auch ein bisschen mehr. Wie das im Leben eben so ist.
Ich bin kein religiöser Mensch, nicht spirituell, ich fühle
mich keinem höheren Etwas verbunden und ich halte mich, seit des erfolgreichen
Abschlusses meiner äußerst wirren und irreversibel verkorksten Jugend/Pubertät,
auch nicht mehr für etwas Besonderes, gleichwohl frage ich mich aber, ob es
etwas ähnliches wie eine natürliche Balance im Leben gibt.
Jeder, der einigermaßen gesund vor sich hinlebt und in einer Gegend der Erde
residiert, in der er nicht als erstes an sein physisches Überleben denken muss,
hatte sicherlich schon einmal einen ähnlichen Gedanken. Warum sollte es nicht,
wie in der Natur, eine Maßeinheit, eine Balance für die Dinge geben, die so
etwas erfordern? Wenn es zu viele Lemminge gibt, ergeben sich diese ihrem
endlichen Schicksal aus freien Stücken, wenn es zu viel Unglück in einem Leben
gibt, passiert diesem etwas Gutes – so in etwa, gedacht wirkt es tiefgründiger
als geschrieben. Ich habe mich vorher nicht mit Studien über Glück beschäftigt,
keine soziologischen oder psychologischen Studien und/oder Statistiken darüber
gelesen, mit nicht damit auseinandergesetzt, was Glück, Freude oder eben auch
Unglück im Einzelnen, für den Einzelnen, bedeutet, das ist mein unverfälschter,
ungeschliffener Gedanke.
In meinem Leben sind viele Dinge ruckartig hintereinander
passiert, ich hatte euphorische Höhenflüge und massive Dämpfer kurz
hintereinander und ich bin niemand, der dies herausfordert, im Gegenteil, ich
bin harmoniesüchtig und liebe Konstanten. Diese Wellen in meiner Lebenslinie,
die Hochs und Tiefs sind irgendwann so willkürlich und unvorhersehbar passiert,
dass ich jetzt erst beginne zu begreifen, was da eigentlich alles passiert ist.
Und vor Allem auch wie und in welcher Reihenfolge. Sollte ich die letzten 3
Jahre auf einem Koordinatensystem einzeichnen, ich bin mir sicher, sie würden
eine perfekte Parabel beschreiben, mit den gleichen Ausschlägen im Minus sowie
im Plusbereich.
Gilt es nicht sowieso als fast bewiesen, dass wirklich alles auf Mathematik beruht, das alles berechenbar ist, sofern wir die Kapazitäten besitzen, dies zu tun? Universelle Zusammenhänge sind weitestgehend unerforscht, über die Kausalität der Dinge scheint man sich aber einig, es sei denn, man glaubt an Fügung, an Vorherbestimmung. Was nun also, wenn diese Kausalität, diese Abfolge von Dingen, die unwillkürlich aufeinander folgen müssen, weil immer ‚etwas‘ passieren muss – was ist wenn diese Dinge irgendwann nicht mehr tiefer oder höher können? Kann es nicht sein, dass das Universum, die Mathematik, die Physik, die Biologie, das eigene Selbst einfach nicht mehr weiter in die eingeschlagene Richtung können?
Ich bin mir nicht sicher, ob diese Frage nicht unglaublich Überheblich ist, es gibt eine wahrhaftig riesige Ansammlung von Menschen, welche andauernd und fortwährend Unglück erfahren, bei denen es keinen erkennbaren Ausgleich für ihr Leid zu geben scheint. Himmel, es gibt Menschen, die haben besseres zu tun, als ihre ‚first-world-problems‘ nach einer schlaflosen Nacht in ihr Textverarbeitungsprogramm zu tippen – vielleicht sollte ich also doch einfach nur von mir sprechen, was im Übrigen auch überheblich ist. Also, nach all meinen Ausschlägen nach oben und unten (und ich bin noch nicht sehr alt), frage ich mich, in wie fern ich Einfluss auf das Geschehen um mich herum habe, auf das, was mich, bezogen auf die Kausalität des Universums, betreffen wird. Habe ich überhaupt schon einmal bewusst Einfluss genommen? Vielleicht weiß ich einfach nicht, wie das so geht, stelle mich einfach nur dumm an – vielleicht verschiebe ich zu oft auf morgen (definitiv) und beschwöre so, nicht ganz unschuldig daran, mein ‚plötzliches‘ Unglück herauf? Ja, ich bin mir sicher, dass dieser Teil viel Platz einnimmt, aber er erklärt eben nicht alles. Mein Verhalten, mein Umgang mit meinem Leben, macht es insgesamt nicht logischer. Und auf Logik soll augenscheinlich ja alles beruhen – zumindest bis zum Rand des Weltalls, alles danach bedarf sehr wahrscheinlich einer anderen Bezeichnung, vielleicht passt sie ja auch zu meiner Frage, aber darauf zu warten erscheint mir etwas zu optimistisch.
Des Weiteren muss ich mich fragen, ob die simple, zweidimensionale Auffassung von Glück und Unglück so überhaupt ausreicht. Es gibt nun einmal auch Links und Rechts, Nord-Nordost, es gibt Rot, Blau, Gelb, Taupe und zu meinem Leidwesen auch Beige.
Aus meiner Erfahrung heraus kann ich sagen, dass es sich sehr sicher in Beige lebt, aber man Empfindet weder große Trauer noch große Freude, auf Dauer scheint der Mensch dafür auch nicht geeignet und es entwickelt sich wieder ein neuer Lebensstrang – es muss immer etwas passieren.
Auch wenn unser Verständnis
von Zeit und Raum uns sagt, dass unser Leben nur eine Ansammlung von Dingen
sein kann, weil Stillstand schlichtweg nicht möglich ist, verstehe ich den
eventuellen logischen Ursprung dahinter nicht, andererseits tut das wohl auch sonst
wirklich niemand auf dieser Welt. Vielleicht ist das auch einfach nur gut so.
Over and Out!