Sonntag, 5. August 2012

#5 - Heimat

Es gibt viele Definitionen von Heimat und keine einzige Offizielle, in keinem Wissenschaftlichen Buch dieser Welt steht: „Heimat ist …“, dort steht höchstens: „hämatli“ – „das Heimat“, stammt von germanisch haima, haimi, indogermanisch kei ‚liegen‘ ab“. Außerdem gibt es kein Plural, eine zweite Heimat ist/war wohl nicht vorgesehen, bezeichnend ist aber das Vorhandensein des Wortes überhaupt, so muss es nicht zwangsweise mit Patriotismus oder einer Fußmatte in Verbindung gebracht werden.

Ein Zuhause.

Ein Soziologe sagt, die Heimat ist ein konstanter Rückzugsort, ein Ort den man auswendig kennt und dem man Vertraut. Im Idealfall ist Sie die der ultimative Ort des Ich-Seins. Ein Anthropologe sagt, es ist vornehmlich das eigene Territorium, der eigene Besitz, die eigene Sicherheit. Ein Existenzialist hebt die eigene Welt hervor, das eigene Empfinden von Zeit und Raum, die Ausblendung des Alltags. Das Nicht-Fremde. Im mittelalterlichen Deutschland bezeichnete Heimat nichts weiter als das Bleiberecht, sehr sachlich also. Außerdem sind auch Pflanzen und Tiere irgendwo beheimatet, dort wo sie wachsen und gedeihen, immer genug zu fressen kriegen. Ähnlich wie ein Besuch bei den Eltern, traditionell gerne mit Essen und Wohligkeit verbunden – im Idealfall. Auch sind ein Zuhause und Heimat nicht unbedingt gleichzusetzten, ein künstlicher Lebensraum kann genauso als Belastung angesehen werden wie die Obdachlosigkeit. Es gibt Nomadenvölker die, Zeit ihres Lebens, nie ein festes Zuhause hatten und haben werden, die sich noch nie ein Nest gebaut haben, für die eine Schlafunterkunft einen reinen pragmatischen Charakter hat. Haben diese Menschen eine Heimat? Legen sie Wert darauf? Es scheint auch, dass unser Verlangen nach der Gleichstellung von Zuhause und Heimat hausgemacht ist. In unserer Wohlstandswelt wird uns schon im Mutterleib beschrieben, wie schön es ist, dieses Gefühl nie wieder zu verlieren, your home is your castle - und das seit der Verherrlichung von Besitztümern.


Mir scheint diese Art des Denkens ein Trugschluss zu sein, nicht, dass der Verlust eines Zuhauses nicht der Verlust der Heimat sein kann, es muss nur nicht so sein. Einige finden ihr Zuhause in ihrem Gegenüber und es gibt Menschen, die unentwegt reisen, mit Rucksack und Austronautennahrung durch Urwälder streifen und irgendwo an einer Weggabelung für einen Moment etwas wahrnehmen, was sie von nun an als Heimat bezeichnen werden – ein situatives Gefühl also. Diese Art von ‚wo gehöre ich hin‘ –Gefühl ist zwar nicht freier, aber immerhin flexibler als die gängige Version aus Backsteinen und Zement. Vielleicht fühlen viele von uns ja falsch? Vielleicht nutzen wir unsere Wahrnehmung falsch, vielleicht müssen wir die Dinge besser zuordnen. Was nützt uns exzessives Nestbauen, wenn wir hinterher immer noch nicht glücklicher sind, wir noch immer das Gefühl haben, dass uns etwas fehlt, ungreifbar und schwer erklärlich.
Und warum beschränken wir uns größtenteils auf eine Heimat, beheimatet sein ist ein wunderbares Gefühl, warum es nicht auf mehrere Möglichkeiten aufteilen? Letztlich bleibt mir noch die Frage, ob Rastlosigkeit grundsätzlich mit Heimatlosigkeit gleichgesetzt werden sollte, vielleicht hat die Kindheit kein wärmendes Umfeld mit sich gebracht und es wurde einfach nicht gelernt, wie sich so etwas anfühlt, vielleicht muss das aber auch gar nicht sein, vielleicht ist das Gefühl der Rastlosigkeit selbst schon ein heimatliches Gefühl – etwas das man kennt, das man gewohnt ist, etwas vertrautes.
Ich weiß es nicht und beende dies daher mit einem Bild, einem kleinen Einblick in Teile meiner Heimat.

Eine Erinnerung.

Dienstag, 31. Juli 2012

#4 - Kausalität / 10000 Wege reloaded


Manchmal frage ich mich Dinge, ich glaube der offiziell denkende Mensch nennt das reflektieren – ich nenne es zwei Stunden abwesend in eine beiläufig ausgewählte Ecke des Raumes starren. Das Ergebnis scheint mir ähnlich. Heute war einer dieser Tage an dem ich, nach langer nicht-Praktizierung, längerfristig meine Raufaser betrachtete. Gerne würde ich behaupten, dass diese Denkanstöße auf einem fundamentalen Erlebnis beruhen, aber oft haben einfach nur ein Film oder abtrünnige Hormone meine Rezeptoren auf melancholisches Schwelgen umgestellt. Manchmal wird daraus aber auch ein bisschen mehr. Wie das im Leben eben so ist.

Ich bin kein religiöser Mensch, nicht spirituell, ich fühle mich keinem höheren Etwas verbunden und ich halte mich, seit des erfolgreichen Abschlusses meiner äußerst wirren und irreversibel verkorksten Jugend/Pubertät, auch nicht mehr für etwas Besonderes, gleichwohl frage ich mich aber, ob es etwas ähnliches wie eine natürliche Balance im Leben gibt.
Jeder, der einigermaßen gesund vor sich hinlebt und in einer Gegend der Erde residiert, in der er nicht als erstes an sein physisches Überleben denken muss, hatte sicherlich schon einmal einen ähnlichen Gedanken. Warum sollte es nicht, wie in der Natur, eine Maßeinheit, eine Balance für die Dinge geben, die so etwas erfordern? Wenn es zu viele Lemminge gibt, ergeben sich diese ihrem endlichen Schicksal aus freien Stücken, wenn es zu viel Unglück in einem Leben gibt, passiert diesem etwas Gutes – so in etwa, gedacht wirkt es tiefgründiger als geschrieben. Ich habe mich vorher nicht mit Studien über Glück beschäftigt, keine soziologischen oder psychologischen Studien und/oder Statistiken darüber gelesen, mit nicht damit auseinandergesetzt, was Glück, Freude oder eben auch Unglück im Einzelnen, für den Einzelnen, bedeutet, das ist mein unverfälschter, ungeschliffener Gedanke.

In meinem Leben sind viele Dinge ruckartig hintereinander passiert, ich hatte euphorische Höhenflüge und massive Dämpfer kurz hintereinander und ich bin niemand, der dies herausfordert, im Gegenteil, ich bin harmoniesüchtig und liebe Konstanten. Diese Wellen in meiner Lebenslinie, die Hochs und Tiefs sind irgendwann so willkürlich und unvorhersehbar passiert, dass ich jetzt erst beginne zu begreifen, was da eigentlich alles passiert ist. Und vor Allem auch wie und in welcher Reihenfolge. Sollte ich die letzten 3 Jahre auf einem Koordinatensystem einzeichnen, ich bin mir sicher, sie würden eine perfekte Parabel beschreiben, mit den gleichen Ausschlägen im Minus sowie im Plusbereich.

Gilt es nicht sowieso als fast bewiesen, dass wirklich alles auf Mathematik beruht, das alles berechenbar ist, sofern wir die Kapazitäten besitzen, dies zu tun? Universelle Zusammenhänge sind weitestgehend unerforscht, über die Kausalität der Dinge scheint man sich aber einig, es sei denn, man glaubt an Fügung, an Vorherbestimmung. Was nun also, wenn diese Kausalität, diese Abfolge von Dingen, die unwillkürlich aufeinander folgen müssen, weil immer ‚etwas‘ passieren muss – was ist wenn diese Dinge irgendwann nicht mehr tiefer oder höher können? Kann es nicht sein, dass das Universum, die Mathematik, die Physik, die Biologie, das eigene Selbst einfach nicht mehr weiter in die eingeschlagene Richtung können?

Ich bin mir nicht sicher, ob diese Frage nicht unglaublich Überheblich ist, es gibt eine wahrhaftig riesige Ansammlung von Menschen, welche andauernd und fortwährend Unglück erfahren, bei denen es keinen erkennbaren Ausgleich für ihr Leid zu geben scheint. Himmel, es gibt Menschen, die haben besseres zu tun, als ihre ‚first-world-problems‘ nach einer schlaflosen Nacht in ihr Textverarbeitungsprogramm zu tippen – vielleicht sollte ich also doch einfach nur von mir sprechen, was im Übrigen auch überheblich ist. Also, nach all meinen Ausschlägen nach oben und unten (und ich bin noch nicht sehr alt), frage ich mich, in wie fern ich Einfluss auf das Geschehen um mich herum habe, auf das, was mich, bezogen auf die Kausalität des Universums, betreffen wird. Habe ich überhaupt schon einmal bewusst Einfluss genommen? Vielleicht weiß ich einfach nicht, wie das so geht, stelle mich einfach nur dumm an – vielleicht verschiebe ich zu oft auf morgen (definitiv) und beschwöre so, nicht ganz unschuldig daran, mein ‚plötzliches‘ Unglück herauf? Ja, ich bin mir sicher, dass dieser Teil viel Platz einnimmt, aber er erklärt eben nicht alles. Mein Verhalten, mein Umgang mit meinem Leben, macht es insgesamt nicht logischer. Und auf Logik soll augenscheinlich ja alles beruhen – zumindest bis zum Rand des Weltalls, alles danach bedarf sehr wahrscheinlich einer anderen Bezeichnung, vielleicht passt sie ja auch zu meiner Frage, aber darauf zu warten erscheint mir etwas zu optimistisch.
Des Weiteren muss ich mich fragen, ob die simple, zweidimensionale Auffassung von Glück und Unglück so überhaupt ausreicht. Es gibt nun einmal auch Links und Rechts, Nord-Nordost, es gibt Rot, Blau, Gelb, Taupe und zu meinem Leidwesen auch  Beige.
Aus meiner Erfahrung heraus kann ich sagen, dass es sich sehr sicher in Beige lebt, aber man Empfindet weder große Trauer noch große Freude, auf Dauer scheint der Mensch dafür auch nicht geeignet und es entwickelt sich wieder ein neuer Lebensstrang – es muss immer etwas passieren. 

Auch wenn unser Verständnis von Zeit und Raum uns sagt, dass unser Leben nur eine Ansammlung von Dingen sein kann, weil Stillstand schlichtweg nicht möglich ist, verstehe ich den eventuellen logischen Ursprung dahinter nicht, andererseits tut das wohl auch sonst wirklich niemand auf dieser Welt. Vielleicht ist das auch einfach nur gut so. Over and Out!

Freitag, 9. März 2012

#3 - Kowloon Walled City


Vor ungefähr zwei Jahren habe ich nicht zum ersten und absolut auch nicht zum letzten Mal meinen wertvollen Schlaf gegen das Internet eingetauscht. Und wie ich nun surfte durch finstere Nacht – ein Fenster sich hat aufgemacht. Ich muss das in Anlehnung an den wunderbaren Theodor Storm formulieren, denn genauer rekonstruieren kann ich meine Begegnung mit dieser ehemaligen Stadt nicht.
Ich fand nun also mitten in der Nacht heraus, dass es eine Stadt gab, besser gesagt, einen Stadtteil auf Hong Kongs Halbinsel Kowloon: Hak Nam, Stadt der Dunkelheit – oder besser bekannt als Kowloon Walled City, die eingemauerte Stadt. 


 

Die Geschichte dieser Stadt ist ebenso bewegt wie außergewöhnlich, ursprünglich als chinesischer Militärposten gedacht, avancierte dieser nur  0,025 Quadratkilometer große Flecken Erde zum am dichtesten besiedelten Lebensraum der Welt. Kurz vor ihrem Abriss, 1993, schätzte man ihre Einwohnerzahl auf mindestens 33000 Einwohner – das entspricht einer Bevölkerungsdichte von 1,3 Mio. Einwohner auf einen einzigen Quadratkilometer. Das Gesetzt Chinas, bzw. Hong Kongs galt hier nicht (keine Steuern) und die Gesetzeslosigkeit sowie mafiöse Strukturen der Triaden waren hier normal.
Die Stadt beherbergte Ihre eigenen Kindergärten, Schulen, Bäckereien, Schlachtereien und was man in urbanen Strukturen eben noch so braucht. Hak Nam war im Grunde Autark.
Am faszinierendsten ist wohl aber die Architektur der Stadt. Die Walled City hat aufgrund ihrer Grenzen in die Breite einfach in die Höhe gebaut und so wurden auf fertige Häuser einfach nochmal Wohneinheiten obendrauf gebaut. Die ungefähr 350 Bauten wurden in höheren Etagen durch Brücken, Stege und Treppen verbunden, überall waren Stromkabel neben tropfenden Wasserleitungen verlegt und die Straßen und Gassen ab Boden der Stadt erreichte kein Tageslicht mehr. Lediglich das Yamen, ein Gemeindezentrum in der Mitte Kowloons wurde als ‚Lichtblick‘ nicht weiter bebaut.

Die teuersten Wohnungen
Versorgungskabel
1987 wurde beschlossen, die als Schandfleck geltende Stadt abzureißen, bis 1992 wurde geräumt, ab 1993 abgerissen. Seit 1995 liegt hier der Kowloon Walled City Park, ein starker Kontrast aus Wiese und freier Fläche, lediglich ein paar historische Artefakte sowie ein Museum zur Geschichte Hak Nams erinnern hier noch an das einmal Gewesene.


Neon- statt Tageslicht
Kowloon Walled City Park
Die Stadt gilt als Inspiration für Künstler und Filmschaffende, so wurde die Stadt oft auf Leinwand gebannt und galt als szenisches Vorbild für Filme wie die letzten beiden Batman Teile, sowie das düstere und futuristische Science Fiction Epos Blade Runner aus den 80er Jahren. Auch auf mich hat die ‚Stadt der Dunkelheit‘ einen bleibenden Eindruck hinterlassen und irgendwann, wenn ich mich ihrer Strukturen gewachsen fühle, werde ich versuchen das, wie viele vor mir, auf Leinwand zu bannen.

Szene aus Blade Runner
                                         

#2 - 10000 Wege

Nach all den Irrungen und Wirrungen die das Leben so macht muss ich mich fragen, ob das eventuell Schicksal oder Fügung ist. Ob auf Gutes immer Schlechtes folgt, auf Schlechtes dann aber auch wieder Gutes. In wie fern ist man durch sein eigenes Handeln an allem beteiligt, zu 100%? Für einen spirituellen, einen religiösen Menschen sind diese Fragen relativ klar zu beantworten, Für einen knallharten Realisten auch – für einen Buddhisten folgt auf Gutes sowieso grundsätzlich wieder Gutes. Was ist aber mit denen, die irgendwo  dazwischen stehen, die in respektvoller Ruhe am Grab ihrer Verwandten stehen und gleichzeitig abends fleißig den klugen Worten Dr. Harald Leschs lauschen? Insofern haben religiöse Menschen ein wenig recht, wenn sie von verlorenen Seelen sprechen, sie werden durch keinen glauben gefüllt und von wenig Spiritualität gefestigt, sie füllen sich nur mit den eigenen Erfahrungen, den eigenen Sinneseindrücken und bauen darauf auf. Eventuell fühlt sich das manchmal bedrohlich an, als erwachsener Mensch ist man für so viele Dinge eigenverantwortlich, da ist es schön, wenn einem wenigstens etwas von den Schultern genommen wird, das ist hier aber nicht der Fall. So kann ich mich fragen, ob ich es eventuell schwerer habe, ob ich mit mehr fertig werden muss und mehr Belastung standhalten muss, das wäre wohl aber zu einfach. Ob man eher zögerlich ist, zum Verdrängen neigt oder ausspricht, was man sagen möchte, das ist eine Eigenschaft des Charakters und der bildet sich bei allen einzig durch die Lebenserfahrung. 

Ich habe also keine Antwort auf meine Frage und der Sinn des Lebens scheint sowieso nur das Leben an sich  zu sein (oder 42, Ansichtssache)  – wobei man das ‚nur‘ nicht zu wörtlich verstehen sollte. Ich habe aber wohl die Möglichkeit bis zu einem gewissen Grad die positiven oder negativen Einflüsse auf mein Leben zu steuern (ein Privileg, nicht jeder auf dieser Welt kann das), und das ist völlig individuell auf mein Leben bezogen. Je früher man lernt, oder sich damit befasst zu lernen in welche Richtung man zu gehen hat, bzw. frühzeitig erkennt wo man eventuell falsch liegt, desto eher sind die seismischen Ausschläge nach oben oder unten geringer, die kleinen Erdbeben weniger aus der Bahn werfend. Das mag sehr nach einem mediokeren Lebensweg klingen, eine gewisse Stabilität ist in meinen Augen aber nicht falsch, das heißt ja nicht, dass man nicht 6 Monate durch Südamerika reisen kann, das heißt nur, das man sich einen Hafen baut, was auch immer das dann für einen selbst bedeuten mag. 


#1 - Die Analyse des Beginnens

Für mich alleine zu schreiben empfand ich schon immer als seltsam, oft habe ich meine Tagebücher weggeschmissen oder Seiten, die mir später nicht mehr gefielen, rausgerissen. Mir gefiel das Niveau nicht mehr, ich empfand mein vor manchmal nur 2 Monaten geschriebenes als dumm, als aus einer unzurechnungsfähigen Emotion heraus geschriebenes Dokument, welches nicht notwendiger Weise hätte dokumentiert werden müssen.
Da ich das Gefühl habe, dass sich diese dämlich-impulsive Art auch manchmal auf meine Taten im Leben beziehen, ich auch hier überlegter und vorrauschauender werden will – und sollte, mache ich meine Denkergüsse nun öffentlich. Das zwingt ungemein zum überlegten Schreiben und dadurch eventuell schon vorher zum überlegten Handeln. Welch kühner Plan!

In wie fern mein Vorhaben mit eventueller Geltungssucht zu tun hat kann und will ich erst einmal nicht ergründen. Man muss ja auch nicht alles in Frage stellen, bzw. das wäre wohl zu anstrengend (Notiz an mich: In Zukunft zu flache semi-tiefenpsychologische Gedankengänge versuchen zu vermeiden).

In diesem Sinne wünsche ich mir viel Spaß beim Schreiben!